zum Träumen und Nachdenken

Wieder zu Hause…

„Ich bin also wieder zu Hause. Aber die ganze Zeit über ist es, als würde die Welt draußen immer noch weiter an mir zerren. Alles, was ich höre und lese, kommt mir irgendwie so belanglos vor. Als ich die […] Zeitung aufschlage, ist meine Haut immer noch warm. Mein Gott, welche Un-Probleme in den Zeitungsspalten hin und her gewälzt werden! Alles kommt mir so ungeheuer sinnlos vor. Ich fühle mich wie ein Astronaut, der auf einem absurden Planeten gelandet ist, wo nur Unwesentlichkeiten und Smalltalk ein geeignetes Thema für die Gazetten darstellen. Hier zu Hause, denke ich, reden die Menschen nur über Kleinkram. Das Leben findet unter einer Glasglocke statt, es ist eingeschlossen, erstickend und eng.

Während der Reise hatte alles einen Sinn und eine Richtung. Alles fühlte sich wichtig und neu an. Da draußen waren große Trauer und ungeheure Freude, dramatische Natur und himmelsstürmende Wetterphänomene. Da draußen waren alle Zeitungsartikel bedeutungsvoll, alle Gespräche wichtig und alle Begegnungen außerordentlich.

Und ich empfinde Zufriedenheit, etwas erlebt zu haben, das sich die anderen hier zu Hause kaum vorstellen können. Aber Überlegenheit ist ein verbotenes Gefühl, eine hässliche und nicht wünschenswerte Haltung. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss mich demütig zeigen und beteiligt aussehen, wenn sie von Fernsehserien reden, von Computerspielen und Smartphone-Apps, sonst werden sie mich arrogant und selbstgefällig finden.

Ich google meine Heimkunft-Düsternis. Auf Reiseseiten und in Blogs finde ich Heimkehrer, die von Symptomen erzählen, die an meine Gefühlsstimmung erinnern: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Druck auf der Brust, Angst und vor allem das Gefühl, dass niemand zu Hause mich versteht. Ich lese, dass es dafür eine Diagnose gibt. Die Heimkehr-Deprimierten sind von Post Travel Stress Disorder, PTSD, heimgesucht.

[…]

Als ich nach Hause gekommen war, hatte ich unter Klaustrophobie gelitten und erkannte, dass das Leben meiner Freunde in denselben Spuren verlief, wie als ich fortreiste. Es hatte sich erstickend angefühlt, dass ich, der Reisende, mich verändert hatte, während die Nicht-Reisenden genauso waren wie vorher. […]

Mehrere Jahre nach der ersten Heimkehr dachte ich, wenn noch mal alles den Bach runtergeht, muss ich nicht verzweifeln. Ich kann mich immer aufmachen und reisen. Denn da draußen gibt es eine Gemeinschaft, die mich nie im Stich lässt. Zwar löst sie sich ständig wieder auf, denn alle reisen früher oder später weiter, jeder in seine Richtung. Aber manchmal fahren wir ein Stück zusammen und die ganze Zeit entstehen neue Treffpunkte, und wir sehen uns wieder. Wieder und wieder erschafft sich die Gesellschaft neu, und deshalb wird es sie immer dort für mich geben. Ich brauche mich nie wieder einsam zu fühlen. Wenn es richtig übel ist, ich den Job verloren habe, die Liebesbeziehung am Ende ist und die Freunde nicht mehr anrufen, dann brauche ich nur den Rucksack aufzuschnallen , in einen Zug springen, ein Flugzeug besteigen, die Wanderschuhe zu schnüren, mich in einer Herberge einzumieten, mich in ein Café zu setzen…und mich von der zuverlässigen und wärmenden Gemeinschaft umschließen zu lassen, die es zwischen uns gibt und immer geben wird, zwischen uns, die wir dem Zuhause den Rücken gekehrt und uns in die Welt hinausbegeben haben. Der Gedanke an die ewige Gemeinschaft der Reisenden schenkte mir ein Gefühl der Sicherheit im Alltag. Ich musste nicht immer losziehen. Schon der Gedanke daran war ein Schutznetz, eine Versicherung, ein Notausgang und ein anderes Zuhause.

Es hat seither viele Heimkünfte gegeben. Als ob ich wieder und wieder das wiederholen müsste, was mit dem Verschwinden und dem Wiederkehren, der Abreise und der Heimkunft wehtut, ungefähr, wie wenn man nicht aufhören kann, mit der Zunge in dem Loch von dem verlorenen Zahn herumzuspielen. Keine Heimkehr war so hart wie die erste, doch ich verspüre immer noch die Symptome von Post Travel Stress Disorder, wenn auch weniger mit jeder Reise. Es geht in die richtige Richtung. Doch ganz ohne Symptome wird es wohl nie gehen.

Die ersten zwei Tage nach der Heimkehr aus Tokyo, Bangkok, Nairobi oder Sansibar sind die schlimmsten. Da fühlt sich das Leben zu Hause an wie eine einzige Dissonanz, die in die Ohren schneidet. Die Leere, die Stille, die Geruchlosigkeit, die glatten Oberflächen und die geraden Linien, die nervöse Eitelkeit der Menschen. […]

Langsam zieht die Welt aus dem Körper. Langsam werde ich wieder so wie immer. Nach einigen Wochen habe ich mich eingewöhnt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit verschwindet. Ich nehme meine Alltagsroutinen wieder auf. Ich lese die […] Tageszeitungen und höre den Alltagsunterhaltungen in den Kaffeepausen zu. Ich gewöhne mich daran, dass alle im Bus den Kopf gebeugt halten und auf ihre Smartphones starren. Ich erwarte nicht länger, dass jemand mich ansehen oder anlächeln wird, dass auf den Straßen Ziegen oder Kühe herumlaufen oder dass Menschen, denen ich begegne, naseweise Fragen darüber stellen, woher ich komme und wohin ich unterwegs bin. Am Ende fühlt sich mein Alltag richtig gemütlich, heimatlich, passend an.

Aber ich weiß, dass das Gefühl vorbeigeht und bald die Sehnsucht wieder Einzug hält.“

Gedanken aus Per J. Andersson: Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte – Reisen in die Ferne und zu sich selbst, Verlag C.H.Beck, München, 2017, S. 289 ff.

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