Wessen Grabstein sehen wir hier?

Die Person hat ihre Reisetagebücher veröffentlicht, die für mich als Reiseleiterin wirklich interessant und empfehlenswert sind. Die Dame ist tatsächlich eine der ersten Weltreisenden in einer Zeit, in der es für eine Frau überhaupt nicht üblich war, auch nur kurze Reisen zu unternehmen. Heute kann man sich kaum vorstellen, wie anstrengend und mühsam ein Fortkommen zur damaligen Zeit gewesen ist. Meiner Meinung nach ist ihre Sicht auf Neues für damalige Verhältnisse überaus fortschrittlich und reflektiert. Wer ist also die Person, die am Biedermeierfriedhof in Wien begraben liegt, ein Ehrengrab am Zentralfriedhof hat und folgende Zeilen verfasst hat?

„6. Juli. Die ersten Tage glich unsere Fahrt auf der Chinesischen See so ziemlich jener im Stillen Ozean – wir trieben langsam und ruhig vorwärts. Heute erst wurden wir der Küste Chinas ansichtig, und gegen Abend waren wir nur noch 28 Meilen von Macao entfernt. Mit ziemlicher Ungeduld erwartete ich den folgenden Morgen. Ich hoffte, sicher den langersehnten chinesischen Boden zu betreten, ich sah schon die Mandarine mit ihren hohen Mützen, die Chinesinnen mit ihren kleinen Füßen – da, mitten in der Nacht, drehte sich der Wind, und – wir waren am 7. Juli 100 Meilen weit verschlagen. Zum Überflusse fiel noch der Barometer so außerordentlich, daß wir einen Taifun befürchteten. Es ist dies ein höchst gefährlicher Sturm oder vielmehr ein Orkan, der im Chinesischen Meer während der Sommermonate Juli, August und September häufig losbricht. Eine schwarze Wolke, welche an einem Rande dunkelrot, am andern halbweiß ist, zeigt sich gewöhnlich als schrecklicher Bote am Horizont, und fürchterliche Regengüsse, Donner und Blitz sind die Begleiter der heftigsten Winde, die von allen Richtungen zu gleicher Zeit aufspringen und das Meer turmhoch aufwühlen. Alle Vorkehrungen wurden an unserm Borde zum Empfange des gefährlichen Feines getroffen; aber diesmal umsonst – der Orkan brach entweder gar nicht oder in großer Entfernung los; wir verspürten nur einen kleinen Sturm, der noch überdies von kurzer Dauer war.“…

„Nachdem ich in den Hütten alles genugsam betrachtet, ging ich mit einigen der Wilden auf eine Papageien- und Affenjagd. Wir durften nicht weit suchen, um beides zu finden, und ich hatte nun Gelegenheit, die Geschicklichkeit zu bewundern, mit welcher diese Leute ihren Bogen handhabten. Sie schossen Vögel auch im Flug und verfehlten selten ihr Ziel. Nachdem wir drei Papageien und einen Affen erlegt hatten, kehrten wir zu den Hütten zurück.

Die guten Menschen boten mir die beste ihrer Hütten zum Obdach und luden mich ein, die Nacht bei ihnen zuzubringen. Ich nahm ihr Anerbieten gerne an, da ich von der angestrengten Fußreise, von der Hitze und von der Jagd etwas ermüdet war; auch neigte sich der Tag seinem Ende zu und ich würde heute nicht mehr bis zur Ansiedlung der Weißen gekommen sein. Ich breitete also meinen Mantel auf der Erde aus, richtete ein Stück Holz statt eines Kissens zurecht und setzte mich vorläufig auf mein herrliches Lager. Meine Wirte bereiteten den Affen und die Papageien, indem sie dieselben auf hölzerne Spieße steckten und am Feuer rösteten. Um das Mahl recht lecker zu machen, gaben sie auch noch einige Maiskolben und Knollengewächse in die Asche. Sie brachten dann große frische Baumblätter herbei, rissen den gebratenen Affen mit den Händen in mehrere Teile, legten eine tüchtige Portion davon auf die Blätter, sowie auch eien Papagei, Mais und Knollengewächse und stellten es vor mich hin. – Mein Appetit war grenzenlos, da ich seit morgens nichts genossen hatte, ich fing also gleich mit dem Affenbraten an, den ich überaus köstlich fand; – bei weitem nicht so zart und schmackhaft war das Fleisch des Papageies.“…

„Ich muß bei dieser Gelegenheit allen widersprechen, die behaupten, daß die Kamele im Durchschnitt vierzig Coose täglich machen und daß, wenn sie auch langsam gingen, ihre Schritte sehr ausgiebig seien. Ich untersuche jede Sache sehr genau und urteile dann nach meiner Erfahrung, ohne mich durch das Gelesene beirren zu lassen. Bevor ich eine Reise antrete, bemerke ich mir nicht nur die Hauptentfernungen, sondern auch die Distanzen zwischen den einzelnen Orten, ordne mit Hilfe sachverständiger Freunde meinen Reiseplan von Station zu Station und bin auf diese Weise meinem Führer gewachsen, der mir nicht sagen kann, wir hätten zwanzig bis dreißig Coose zurückgelegt, wenn wir nur die Hälfte gemacht haben. Ferner konnte ich auf der Reise von Delhi nach Kottah, die ich mit einem Ochsenfuhrwerk zurücklegte, mehrere Kamelzüge beobachten, mit denen ich am Abend auf derselben Nachtstation zusammentraf. Es ist wahr, daß ich vortreffliche Ochsen hatte und daß die Kamele zu den gewöhnlichen gehörten. Ich machte aber auf dieser Reise mit guten Kamelen doch täglich nicht mehr als fünfzehn, höchstens sechzehn Coose und war von morgens vier Uhr bis abends sechs Uhr, zwei Stunden der Mittagsruhe ausgenommen, ununterbrochen auf dem Marsche. Ein Kamel, das in einem Tag vierzig Coose macht, gehört zu den Ausnahmen und würde diese Aufgabe am zweiten und dritten Tag schwerlich mehr leisten können.“…

„Sehnsüchtig sah ich nach dem Land – ich hätte gar zu gerne Persiens Boden betreten. Der Kapitäm riet mir jedoch ab, mich in meinen Kleidern dahin zu wagen, indem er mir sagte, daß die Perser nicht so gutmütig seien wie die Hindus und daß in diesen entlegenen Gegenden das Erscheinen einer europäischen Frau eine zu ungewöhnliche Begebenheit wäre – man könnte mich leicht mit Steinwürfen begrüßen.

Glücklicherweise befand sich auf dem Schiff ein junger Mann, der halb Engländer, halb Perser war (sein Vater, ein Engländer, hatte eine Armenierin aus Teheran geheiratet) und beide Sprachen gleich gut sprach. Diesen bat ich, mich mit ans Land zu nehmen, was er sehr bereitwillig tat.

Er führte mich auf den Bazar und durch mehrere Gäßchen. Das Volk strömte zwar von allen Seiten herbei und begaffte mich, machte aber nicht die geringste Miene, mich zu beleidigen.“

IDA PFEIFFER lautet die richtige Antwort. Sie ist 1797 als Ida Laura Reyer in ein wohlhabendes Milieu geboren und 1858 in Wien gestorben. Als sie neun Jahre alt war (ihr Vater war bereits verstorben) hat ihre Mutter eine bürgerliche Bildung durchgesetzt und Ida wurde von Hauslehrern unterrichtet. Sie hat mehrere Sprachen erlernt und schon früh ein reges Interesse für Reiseliteratur entwickelt. Im Mai 1820 hat sie den Advokaten Mark Anton Pfeiffer geheiratet – die beiden hatten zwei Söhne und eine Tochter. Ab 1833 lebte Ida Pfeiffer getrennt von ihrem Mann dauerhaft in Wien.

In Summe hat Ida Pfeiffer fünf große Expeditionen unternommen, darunter zwei Weltreisen. Auf ihrer letzten Reise ist sie in Madagaskar in innenpolitische Unruhen verwickelt und des Landes verwiesen worden. Bereits erkrankt ist sie kurz nach ihrer Rückkehr nach Wien verstorben. Sie war die erste Frau, der ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof gewidmet worden ist.


Ida Pfeiffer hat Reiseberichte veröffentlicht, die in mehreren Auflagen erschienen und in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind. Sie dokumentieren nicht nur die außergewöhnliche Reisetätigkeit einer bürgerlichen Frau um die Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern waren auch für die botanische, geografische, zoologische und ethnologische Forschung von Interesse. Einige dieser Werke sind seit den 1990er Jahren neu aufgelegt worden. Ida Pfeiffer hat tausende Objekte von ihren Reisen mit nach Europa gebracht. Viele der von ihr gesammelten Objekte befinden sich heute in verschiedenen österreichischen Museen, mehr als 4.000 davon im Naturhistorischen Museum.

Textstellen aus: Ida Pfeiffer: Eine Frau fährt um die Welt – Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien, Hrsg. Habinger, Gabriele, 3. Auflage 1997, Promedia Verlag

Schreibe einen Kommentar