Der erkältetste Mensch der Welt oder Trost für Schnupfengeplagte

Hören Sie, ich bin schon wieder erkältet. If fpreffe dufch die Nafe…Chchch…Prööööt!…Schneuz, pffft, pfft! Hören Sie’s?

Schrecklich, was? Sie könnten mich ein bisschen bedauern! Wozu bin ich erkältet, wenn mich keiner bedauert? Niemand hat, wenn er erkältet ist, entzündetere Nasenwände als ich, niemand fühlt scih angegriffener, niemandes Gesichtshaut wird blasser und keine Schleimhaut der Welt rötet sich intensiver. Ich bin, wenn ich erkältet bin, der erkältetste Mensch der Welt. Das habe ich vom Vater geerbt. Mein Vater war sehr groß und wenn er sich erkältet hatte, schlappte durchs Haus ein fiebernder Riese, der aus großen Tassen Kamillentee schlürfte und über metertiefen Schüsseln Inhalationsbäder nahm, um seine Bronchien zu durchfeuchten. Er trug einen grünen Wollschal, dessen Stoffmenge für mehrere Kinderwintermäntel ausgereicht hätte. Manchmal musste mein Vater niesen. Er nieste so heftig, dass die Türen der Küchenschränke aufspranen und Geschirr auf den Boden fiel. Wir Kinder mussten die Scherben aufsammeln, unter weiteren Niesern geduckt, immer in Angst, hinweggefegt zu werden wie Laub im Herbststurm.

Mein Vater hatte die Neigung zu unmäßigen Erkältungen vom Großvater geerbt. Mein Großvater war noch größer als mein Vater. Sobald er sich erkältet hatte, mussten einige Eimer mit heißem Bronchialtee bereitstehen. Meine Großmutter hatte alle halbe Stunde auf den Küchentisch zu steigen, um dem Großvater den Inhalt eines solchen Eimers in den Schlund zu gießen, wo die Flüssigkeit unter Zischen und Gurgeln verschwand. Ansonsten lag der Großvater im Wohnzimmer auf einer Chaiselongue, unter einer Wolldecke, welche ausgereicht hätte, schon damals den Reichstag zu verhüllen. Ab und an musste er auch niesen. Dann fiel Stuck von der Decke, und eine Mauer, die das Wohnzimmer von der Diele trennte, stürzte ein. Die Kinder, es waren ihrer sieben, mussten rasch die Steine wieder übereinanderstellen, damit ihr Vater keinen Zug bekam.

Es ist klar, dass mein Großvater diesen Hang zu biblischen Erkältungen seinerseits vom Vater ererbt hatte, meinem Urgroßvater. Dieses Urgroßvaters Nase war groß wie eine Restmülltonne, und sein Schneuztuch hätte einem Ehepaar als Bettlaken dienen können. Der erkältete Gigant ließ sich aus einem Faß mit Hilfe eines Schlauches und einer Pumpe Kräutertee applizieren, während er in einem ächzenden Holzbett lag. Wenn sich der Körper in einer Welle von Verkrampfungen auf das Niesen vorbereitete, wurde in der Stadt Explosionsalarm gegeben. Männer eilten herbei, um meinen Urgroßvater aus dem Haus zu tragen. Er nieste in Richtung des benachbarten freien Feldes, damit niemand zu schaden kam. Aber einmal, während der Erntezeit, erwischte es einen Bauern, dessen Leib von der Schallwelle davongetragen wurde und sich um einen kilometerweit entfernten Eichenstamm wickelte,  als wäre er ein feuchter Umschlag.

Erwähnenswert erscheint mir noch, dass einer meiner Vorfahren mit dem Untergang von Pompeji in Verbindung gebracht wird, ein anderer mit dem Verschwinden des sagenhaften Atlantis, jener also möglicherweise vom Antlitz des Erdballs geniesten, ins Weltall hinausgehusteten Stadt.

Es war mir wichtig, die Dinge einmal in diesen Zusammenhängen darzustellen. Es gibt Personen, die mich für wehleidig halten, wenn ich erkältet bin, für einen hypochondrisch Leidenden und die Begleiterscheinungen seiner Infekte schamlos übertreibenden Jammerlappen. Ich habe diesen Leuten immer gesagt, dass es anders ist: Ich bin mit einer Art Erbkatarrh geschlagen, einer schweren Genverkühlung. Und ich habe Diffamierungen wie die erwähnten nicht verdient.

Axel Hacke

Sollte es Sie auch erwischt haben, gute Besserung!!!

Ihre Sandra

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