Zwergenhäuschen

Außergewöhnliche Architektur…

…eine Reise wert: die Trulli in Apulien

Wie Zipfelmützen ragen die Trulli aus den grünen Olivenhainen und Weingärten heraus, zumeist handelt es sich um schlichte Bauernhütten, die aus rohem Feldgestein geschichtet sind. Aber man sieht auch kunstvoll gemauerte Landhäuschen, wobei oftmals mehrere Trulli zu ganzen Komplexen verbunden sind.

Rund 5.000 dieser markanten Trulli-Bauten hat man im gesamten Itria-Tal in Apulien gezählt.

Die Hauptstadt der Trulli  ist Alberobello und steht seit 1996 unter dem Schutz der UNESCO. Manchmal ist sie touristisch ziemlich überlaufen, bleibt aber dennoch absolut sehenswert. Heute sind viele der Trulli Hotels geworden.

Die Trulli (Sing. Trullo) sind eine Bauweise, die hauptsächlich den einfachen Menschen vorbehalten war. Es handelt sich um mörtellos aufgeschichtete, mit einem Spitzkegel abgeschlossene Häuser. Sie kommen vor allem im Gebiet um Alberobello vor. Vereinzelt sieht man sie aber in ganz Apulien.  Man findet sie einzeln, in Gruppen versammelt, entlang der Straße und im Hinterland.

Wer wann auf die Idee gekommen ist, Kalksteine zu derart geformten Behausungen aufzuschichten ist umstritten. Fest steht, dass die ältesten Trulli gerade mal 300 Jahre alt sind. Ihre Form ähnelt einem altgriechischen runden Kultbau, dem Tholos. Von dieser früh-mykenischen Bauform gibt es zahlreiche andere Nachbildungen – etwa die Nuraghe auf Sardinien oder auch auf den spanischen Balearen.  Bei den Griechen hat man diese Bauweise schon vor 3000 Jahren entwickelt. Auf dieselbe Weise errichtete Kegelhäuser in Nordsyrien legen nahe, dass ein im Nahen Osten verbreiteter Bautyp in den Mittelmeerraum und von dort nach Süditalien gewandert ist. Da nur für Häuser, aber nicht für Hütten – wie eben die ohne Mörtel gebauten Trulli – Steuern entrichtet werden mussten, ist man im 17. Jahrhundert dazu übergegangen nur mehr Trulli zu bauen. Erst ab 1797 ist es den Bewohnern von Alberobello erlaubt worden, „richtige“ Häuser zu bauen. Hauptsehenswürdigkeit  bleibt aber dennoch der Rione Monti mit etwa 1000 Trulli.  Ihre Bedeutung verdanken sie allerdings nicht den architektonischen Merkmalen, sondern Begebenheiten, die in ihrem Zusammenhang erzählt werden. Sol soll der „Trullo Siamese“ entstanden sein, weil sich zwei Brüder wegen einer Frau zerstritten haben.

Die Bauweise der Trulli

An der Bauweise  eines Trullo hat sich im Prinzip bis heute nichts verändert, nur die Verwendung von Mörtel ist längst erlaubt. Ursprünglich hat man auf einer ungefähr quadratischen Grundfläche zwei seperate Mauern in Trockenbauweise, also ohne Mörtel, gesetzt und in die Zwischenräume füllte man eine Mischung aus Stroh und Erde. Das isoliert einerseits vor der Sommerhitze aber auch im Winter vor der Kälte.  Die Kegelform der Dächer ergibt sich durch schräg aufeinandergeschichtete (Chiancarelle) Steinplatten.  Das unerschöpfliche Baumaterial liefert der steinige Boden gratis.

Die Technik der reparaturanfälligen Trockenbauweise wurde von Generation zu Generation weitergegeben und immer fantasievoller umgesetzt. So wurden aus den einfachen Bauernhütten, die anfangs der Unterbringung von Vieh und der Gerätschaften dienten, bald kleine Landhäuschen, die sogar mit geräumigen Nischen, Fenstern und Zisternen ausgestattet waren. Bei größerem Platzbedarf wurden die normalerweise einräumigen Trulli einfach miteinander verbunden und zu bequemen Trulli-Konglomeraten zusammengefügt.

Die Dachspitze: Die Dachspitze, (Der Pinnacolo)  ist meistens kugel- oder sternförmig verlängert. Die Mauern und die Dachspitze werden schneeweiß gekalkt, während das kegelförmige Dach die charakteristische grauschwarze Natursteinfarbe behält. Auf  den Dächern entdeckt man die vielfältigsten Verzierungen und Symbole: einerseits, um die Häuser einer Trulli-Siedlung für den Postler erkennbar zu mchen (Prinzip Hausnummer), und andererseits, um die überirdischen Kräfte zum Schutz, herbeizurufen (Prinzip Aberglaube). Initialbuchstaben, heidnische, christliche und astrologische Zeichen sind kunstvoll aufgepinselt und von weitem sichtbar.

Wie sind diese Trulli denn eigentlich entstanden?

Dazu gibt’s wieder einige Legenden: Die sicherlich netteste von ihnen berichtet von Gian Girolamo II. Acquaviva, im 17. Jh. Feudalherr der Gegend. Mit dem Versprechen geringer Steuern hatte er Bauern angelockt und zur Besiedlung der landwirtschaftlich genutzten Flächen ermuntert. Der gute Gian Girolamo war in der Gegend auch unter dem Spitznamen „Schiefauge von Apulien bekannt“ und zog recht flott die Steuerschraube an. Er selber versuchte die ihm vom König auferlegte Grundsteuer zu umgehen. Ein königlicher Erlass hatte nämlich Steuerabgaben für festgemauerte Siedlungen vorgeschrieben. Die Bauern zahlten Steuern an den Lehensherrn, und dieser wiederum an den König. Daraufhin ließ Gian Girolamo seine Bevölkerung mörtellose Steinhütten bauen, die sie, wenn sich ein königlicher Steuereintreiber angekündigt hatte, durch das einfache Herausziehen eines Schlußsteins in sich zusammenfallen lassen konnten. Auf eine Anzeige hinauf entsandte der damalige spanische König tatsächlich Inspektoren auf die Ländereien von Gian Girolamo. Aber dieser hatte von der Sache rechtzeitig erfahren und veranlasste die Demolierung der Trulli. Die Steuereintreiber haben dann also nur Steinhaufen gesehen. So überlistete der Feudalherr den König und dessen offensichtlich blinde Beamte und trieb die Steuern dann  selber ein. Die Bewohner mußten ihre Trulli danach wieder mühsam aufbauen.

Wegen anderer Vergehen ist Schiefauge ein paar Jahre später ins  Exil geschickt worden,  aber an der Bauweise der Trulli hat man festgehalten.

Der größte Trullo der Stadt stammt aus dem 18. Jh und ist als einziger sogar zweistöckig. Er ist heute Kulturzentrum und Volkskundemuseum.

Die Attraktion der sogenannten Trullo-Kirche (chiesa a trullo) besteht vor allem darin, dass sie von Amerika-Auswanderern als Bollwerk gegen die Verbreitung des Protestantismus gestiftet worden ist. Allein der Begriff protestantismo lässt jeden Kirchgänger höllisch erschaudern. Für die Aia Piccola werden übrigens 400 Trulli angegeben.

Neugierig geworden? Apulien ist eine Reise wert und in unserem Nachbarland. Also auf nach Apulien!

Eure Sandra

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